
Für alle, die die BwConsulting noch nicht kennen: Was genau macht ihr und wie steht ihr zur Bundeswehr?
Carsten: Wir sind die interne Unternehmensberatung der Bundeswehr, eine 100-prozentige Tochtergesellschaft des Bundesministeriums der Verteidigung. Als Inhouse-Beratung unterstützen wir die Bundeswehr dabei, sich zukunftsfähig aufzustellen: strategisch, organisatorisch und kulturell. Das Besondere an unserer Position: Wir haben den Gesamtblick und den Blick über den Tellerrand, sind aber gleichzeitig Teil des Systems und kennen unseren Kunden am besten. Anders als klassische Unternehmensberatungen haben wir keinen Akquise-Druck. Unsere Prioritäten und Ziele sind die gleichen wie die unseres Kunden.
„Vielfalt ist kein Nice-to-have – sie ist Voraussetzung für Exzellenz.“
Vielfalt im öffentlichen Dienst – warum ist das für euch ein strategisches Thema?
Julia: Der öffentliche Dienst sollte ein Spiegelbild der Gesellschaft sein und damit genauso vielfältig. Für uns geht es aber um mehr als Repräsentation: Exzellenz entsteht durch Vielfalt. Vielfalt fördert den Diskurs, bringt unterschiedliche Perspektiven zusammen und ermöglicht uns, bessere, umfassendere Lösungen für komplexe Herausforderungen anzubieten. Gerade in einem beratenden Kontext an der Schnittstelle zwischen öffentlichem Dienst, Politik und Organisationen ist das entscheidend.
Wie gelingt es euch konkret, Diversity-Arbeit in gewachsene Strukturen zu integrieren?
Carsten: Das beginnt ganz oben: Wir haben ein klares Sponsoring durch die Geschäftsführung. Diversity & Inclusion ist als Prozess in unserem HR-Bereich verankert. Das ist keine Nebensache, sondern strukturell verankert. Gleichzeitig nutzen wir die Flexibilität in unseren Unternehmensstrukturen. Wir fördern aktiv das Engagement in Netzwerken und geben diesen Netzwerken echten Gestaltungsspielraum. Das ist kein Top-down-Programm, sondern lebt von der Energie und dem Engagement unserer Mitarbeitenden.
Stichwort Netzwerke: Was tut ihr konkret für queere Mitarbeitende?
Carsten: Wir haben Ende 2020 unser Netzwerk „queer&friends" gegründet, das sich monatlich trifft und einen geschützten Raum für Austausch bietet. Besonders wichtig ist uns die sichtbare Förderung durch Führungskräfte, die selbst Mitglieder sind. Das sendet ein kraftvolles Signal. Das Netzwerk organisiert Events, schafft Sichtbarkeit und bietet vertrauliche Ansprechstellen über die Netzwerksprecher:innen, unsere AGG-Stelle und den Betriebsrat. Alle Mitglieder unterzeichnen eine Vertraulichkeitsvereinbarung. Vertrauen ist die Basis für alles.
Welche Entwicklung habt ihr durch diese Aktivitäten in eurer Unternehmenskultur wahrgenommen?
Julia: Die Veränderung ist spürbar: mehr Offenheit, mehr Akzeptanz, aber auch mehr Neugier. Die Teilnahme an organisierten Events steigt kontinuierlich. Und was uns besonders freut: Die Gründung des Netzwerks hat einige ermutigt, zu sich zu stehen und sich offen zu zeigen. Das ist für uns der beste Beweis, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Im öffentlichen Kontext, besonders im Bundeswehr-Umfeld, könnte man mit Vorbehalten rechnen. Wie schafft ihr Vertrauen gegenüber queeren Communities?
Carsten: Durch sichtbare Role-Models und Vorbilder, die zeigen: Hier kannst du sein, wer du bist. Authentizität entsteht nicht durch Statements, sondern durch gelebte Praxis. 2022 haben wir ein internes Diversity & Inclusion-Projekt gestartet – mit einer Ist-Analyse und der Ableitung konkreter Maßnahmen. Das Ergebnis: ein verankerter D&I-Prozess und die Gründung weiterer Diversitätsnetzwerke. Wir haben aus dieser Reflexion gelernt und entwickeln uns kontinuierlich weiter.
„Vielfalt ist kein Projekt, sie ist eine dauerhafte Aufgabe.“
Viele Organisationen zeigen sich nach außen bunt. Wie stellt ihr sicher, dass Vielfalt bei euch mehr ist als ein Symbol?
Julia: Vielfalt ist bei uns wirklich gelebte Unternehmenskultur, nicht nur ein Schlagwort. Sie ist in unseren Unternehmenswerten verankert, und wir leben eine offene Unternehmenskultur, in der Vielfalt klar erwünscht ist. Intern und extern geht bei uns Hand in Hand. Gleichzeitig sind wir uns bewusst: Vielfalt zu fördern ist eine dauerhafte Überzeugungsaufgabe. Man ist nie wirklich fertig – und das ist auch gut so, denn es hält uns wach und ehrlich.
Was sollten queere Talente bei der Jobsuche beachten?
Carsten: Recherchiert gründlich über potenzielle Arbeitgeber:innen. Hat das Unternehmen die Charta der Vielfalt unterzeichnet? Gibt es aktive Netzwerke? Auszeichnungen im Diversitätsbereich wie Pride Champion oder Impact of Diversity Award? Nimmt das Unternehmen an Pride oder CSD teil? Und ganz wichtig: Gibt es ein klares Statement auf der Homepage, eine eigene Unterseite zu Diversity? Diese Signale zeigen, ob Vielfalt ernst gemeint ist.
Was möchtet ihr queeren Talenten mitgeben, die sich für die BwConsulting interessieren?
Julia: Herzlich willkommen! Bewerbt euch! Und an die queere Community insgesamt: Teilt eure Best Practices mit uns, lasst uns gemeinsam lernen. Und hinterfragt Vorurteile über den Bundeswehr-Kontext – informiert euch, schaut genau hin. Ihr werdet vielleicht überrascht sein, wie viel Gestaltungsraum und gelebte Vielfalt hier möglich sind.
Was macht für euch ein queerfreundliches Umfeld aus?
Julia: Offenheit, Vertrauen und Sicherheit. Niemand sollte negative Konsequenzen für ein offenes Out-Sein befürchten müssen. Jede Person soll so willkommen sein, wie sie ist.
Gibt es eine Initiative, die euch besonders bewegt hat?
Carsten: Dass wir über unseren eigenen Tellerrand hinaus etwas im gesamten Verteidigungssektor bewirken konnten. Durch die Vernetzung mit unseren Schwestergesellschaften treten wir inzwischen gemeinsam beim CSD auf – als drei Schwestern. Das zeigt: Veränderung ist möglich, auch in Kontexten, wo man sie vielleicht nicht erwartet.
Was sind eure nächsten Schritte?
Carsten: Wir bauen weitere Diversitätsnetzwerke auf und entwickeln eine übergreifende D&I-Strategie. Unser Ziel ist es, Vielfalt noch stärker in Strukturen, Kommunikation und Führung zu verankern.
Was wünscht ihr euch von der queeren Community?
Julia: Austausch, Best Practices und die Bereitschaft, Vorurteile über den Bundeswehr-Kontext zu hinterfragen. Wir sind offen für Dialog und freuen uns über jede Perspektive, die uns weiterbringt.
Zum Schluss: Was ist eure Botschaft an queere Talente, die vielleicht noch zögern?
Carsten: Vielfalt braucht Mut: auf beiden Seiten. Unseren Mut, Räume zu schaffen und Haltung zu zeigen, auch wenn es unbequem wird. Und euren Mut, euch auf Umfelder einzulassen, die vielleicht nicht sofort auf eurer Liste stehen. Wir wissen, dass der Bundeswehr-Kontext Fragen aufwirft. Genau deshalb ist eure Perspektive so wertvoll. Denn echte Veränderung entsteht nicht dadurch, dass wir in unseren Komfortzonen bleiben, sondern dadurch, dass wir sie gemeinsam erweitern.
Julia: Bei der BwConsulting arbeiten Menschen, die mit ihren unterschiedlichen Hintergründen, Identitäten und Erfahrungen jeden Tag dazu beitragen, dass sich Organisationen weiterentwickeln. Wenn ihr Teil dieser Veränderung sein wollt, in einem Umfeld, das Vielfalt nicht nur toleriert, sondern als Stärke begreift, dann freuen wir uns auf euch.
Vielen Dank für das offene und inspirierende Gespräch!

Über Julia und Carsten
Julia ist Senior Consultant und Prozesseignerin für Diversity & Inclusion bei der BwConsulting. 2022 wurde sie als erste offen trans Person im Unternehmen zu einer wichtigen Stimme für Inklusion und erfuhr dabei selbst Unterstützung durch das queer&friends-Netzwerk. Heute vertritt sie das Netzwerk gemeinsam mit Carsten, um anderen Kolleg:innen auf ihrem Weg beizustehen.
Carsten ist Personalreferent und Diversity-Beauftragter HR, der seit vielen Jahren LGBTIQ*-Themen im Unternehmen vorantreibt. 2020 gründete er das LGBTIQ* Netzwerk "queer&friends" und etablierte es als zentrale Anlaufstelle für Mitarbeiter:innen und Führungskräfte. Durch sein Engagement ist BwConsulting seit 2018 Partner der Sticks & Stones und konnte darüber erfolgreich diverse Talente gewinnen.
Proudr ist ein Projekt der UHLALA Group. Seit 2009 unterstützen, fördern und verbinden wir LGBTIQ+ Menschen in ihren Karrieren und bringen sie mit Unternehmen und Organisationen zusammen, die ihre LGBTIQ+ Mitarbeitenden schätzen.