Vom Wissenschaftler zum DJ/Musikproduzenten: Wahlberliner Cristian Marras im Interview mit dem Proudr Magazin

Proudr Superstars – Wir stellen im Proudr Magazin monatlich Menschen ganz persönlich vor, die ungewöhnliche Karrierewege eingeschlagen haben. Ihre Geschichten und Erfahrungen empowern und inspirieren unsere Leser:innen und machen greifbar, was (un-) möglich ist. Die neue Reihe beginnen wir mit dem DJ und Produzenten Cristian Marras.

Cristian Marras, DJ/Produzent aus Berlin, hat sich seinen Weg durch die Clubs in Deutschland, Italien, Spanien, Holland, UK und vielen anderen Ländern gebahnt. Nach seinem Umzug in die deutsche Hauptstadt im Jahr 2017 machte der Künstler seine ersten Schritte in der elektronischen Musikszene. Dabei spielte er mehrere Gigs an der Seite bekannter Künstler:innen, wie etwa Dave Clarke, Dax J, Ancient Methods, Freddy K, Samuel Kerridge und vielen anderen. 

Bevor er aber seine Musikkarriere gestartet hat, war er drei Jahre lang Quality Control Specialist bei der Firma Biotronik und hatte zuvor in Italien zuerst Sprachen und Literatur studiert. Im Anschluss folgten Arbeitsmedizin und Betriebshygiene. Wie er davon ausgehend zum DJ/Musikproduzenten wurde verrät er uns heute.

Proudr: Lieber Cristian, du kommst ursprünglich aus einem kleinen Dorf in Italien und hast dort auch studiert. Jetzt lebst und arbeitest du seit 7 Jahren in Berlin. Wie kam es dazu, dass du deine „sichere“ Karriere als Wissenschaftler vorerst beendet und dich vollständig der Musik zugewandt hast?

Cristian: Damals in Italien bin ich eher einem Weg gefolgt, der mir von meiner Familie nahegelegt wurde, als dass ich ihn selbst gewählt hätte. Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, die darauf beruhte, dass Personen durch Erfüllung bestimmter Kriterien akzeptiert wurden und so fühlte ich mich verpflichtet, das zu tun, was mir in den Augen der anderen richtig erschien. Ich leugne nicht, was ich in diesen Jahren getan habe, aber ich habe in dem Dilemma eines starken Gefühls gelebt, nicht dazuzugehören, und dem Wunsch nach einem anderen Leben.

Während meines Studiums der Hygiene und Prävention an der medizinischen Universität habe ich bereits eine starke Leidenschaft für elektronische Musik entwickelt, die mich dann dazu inspiriert hat, nach Berlin zu ziehen und Musikproduktion und Sounddesign zu studieren. Ich war ängstlich aber auch aufgeregt, Italien zu verlassen und neu anzufangen.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich schon davon geträumt, eine Karriere als DJ und Produzent zu beginnen, und als ich mich entschieden habe, diesen Weg einzuschlagen, wurde mir auch klar, wie schwierig das sein würde. Ich habe mich immer sicherer gefühlt, wenn ich zeitgleich ein paar Nebenjobs hatte. Da haben sich meine früheren Studien- und Arbeitserfahrungen in Italien als sehr nützlich erwiesen, um Arbeit zu finden, die es mir ermöglichte, mich in der Stadt über Wasser zu halten, während ich mich in der Musikszene weiter durchgeschlagen habe.

Proudr: Es gibt viele Menschen, die gerne mit Musik ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen. Leider erfüllt sich dieser Traum nur für wenige Personen. Wie hast du selbst den Einstieg in die Musik-Szene in Berlin geschafft?

Cristian: Es stimmt, dass es heutzutage immer mehr aufstrebende Talente gibt, die von einer Musikkarriere leben wollen, was die Szene lebendiger und interessanter, aber auch wettbewerbsintensiver macht. Bevor ich mich in der Szene als Künstler präsentiert habe, wollte ich lernen und mich ausprobieren. Deshalb habe ich ein Studium der Musikproduktion und des Sounddesigns abgeschlossen, während ich jeden Tag geübt habe, wie man mit sowohl Platten als auch Cdjs mischt.

Neben meinem technischen Wissen und Können hat mir auf meinem Weg vor allem der Kontakt zu anderen geholfen! Musikszenen sind auch Gemeinschaften und je mehr man selbst reinsteckt, desto mehr bekommt man raus. Ich habe an Techno-Event-Produktionen und verschiedenen Projekten mitgewirkt, wodurch ich Leute kennengelernt habe, mit denen ich sogar heute noch zusammenarbeite. Und von da an hat sich alles ziemlich natürlich entwickelt, mit einer Mischung aus Leidenschaft und Hingabe.

Proudr: Mittlerweile hast du zusammen mit anderen Musiker:innen ein eigenes Musik-Label "Disconnekt Berlin“ gegründet, um elektronische Musikkultur durch Musikveröffentlichungen, Workshops und Veranstaltungen zu fördern. Wie kam es dazu und wie startet man eigentlich ein Label?

Cristian: "Gegen-Resident" zu werden, bedeutet mir sehr viel, was weit über das Spielen einiger Gigs hinausgeht. Gegen hat mich empowert und dazu bewegt, mich als Teil einer Gemeinschaft zu identifizieren, der ich mich immer zugehörig gefühlt habe, bei der ich aber immer daran gezweifelt habe, wirklich akzeptiert zu werden, weil ich in einer homofeindlichen Gesellschaft aufgewachsen bin. Alles andere als heterosexuell zu sein, wurde nicht in Erwägung gezogen. Dank Gegen und auch dank meines jetzigen Partners John, mit dem ich seit drei Jahren zusammen bin, habe ich einen Erleuchtungsprozess der Selbstakzeptanz durchlaufen, durch den ich mich endlich wohl dabei fühle, zu sein und zu zeigen, wer ich wirklich bin, unabhängig davon, mit wem ich zusammen bin.

Proudr: Du produzierst nicht nur Musik und legst fast wöchentlich auf Festivals oder in diversen Clubs in ganz Europa auf. Sondern du bist mittlerweile auch für das Booking und Partner Relationship im berüchtigten Berliner Club „://about blank“ angestellt. Noch dazu bist du seit kurzem auch Project Manager bei “Klub Kids UK”, einem der größten britischen Anbieter von Drag-Events. Wie schaffst du es bei so vielen Jobs dein Privatleben nicht aus den Augen zu verlieren und zu schlafen? :)  

Cristian: Ja, wie ich bereits erwähnt habe, ist das Auflegen meine größte Leidenschaft und Priorität, aber ich mag es auch wirklich sehr, an Event-Produktionen zu arbeiten. Vor Kurzem ergab sich die Gelegenheit, dem fantastischen Team des About Blank beizutreten, einem großartigen, historischen Berliner Techno-Club, den ich besuche, seit ich in die Stadt gezogen bin.

Außerdem habe ich meine Leidenschaft für die Arbeit in der Event-Produktion entdeckt. Nicht nur in der Musikbranche, sondern ich bin an der Produktion einiger großer Drag-Shows mit einer britischen Agentur namens "Klub Kids UK" beteiligt. Es macht mir wirklich Spaß, meine Zeit und meine Fähigkeiten in verschiedene Projekte zu investieren, die dennoch irgendwie miteinander verwandt sind. Klub Kids hat mir die Möglichkeit gegeben, mich in einem anderen Bereich der LGBTQ+-Szene zu engagieren, den ich wirklich liebe und aus dem ich viel Inspiration ziehe.

Der Spaß an dieser Arbeit ist, dass sie sich mit meinem Privatleben überschneidet. Ich mag Musik und Drag, und es ist spannend, andere Künstler:innen und Performende zu treffen! Wir würden sowieso zu Drag-Shows und Techno-Partys gehen, warum also nicht mitmachen?

Proudr: Viele queere Menschen sind im Privaten wie im Beruflichen oftmals nicht geoutet. Auch nicht in Berlin. Sie fürchten sich vor Diskiminierung und Ablehnung von Freund:innen und der Familie. Wie war/ist das bei dir? Und hat sich das auch auf deinen beruflichen Weg ausgewirkt?

Cristian: Ich glaube, dass wir in Berlin das große Glück haben, an einem Ort zu leben, an dem die Menschen freier sind, sich so zu identifizieren, wie es für sie richtig ist. Was ich hier gelernt habe ist, dass die Angst vor Diskriminierung und Ablehnung manchmal mehr in unserem Kopf verankert ist, als dass wir sie wirklich haben müssen. Obwohl ich verstehe, dass diese Angst je nach Umständen und Kontext schwer zu überwinden ist. Bis vor Kurzem hatte ich in bestimmten Situationen auch das Gefühl, mich entscheiden zu müssen, welche Seite(n) ich von mir zeigen wollte. Dann habe ich begriffen, dass mich das daran hinderte, authentisch zu sein, und ich entdeckte die Kraft im "Sich-Nicht-Darum-Kümmern", was andere Leute denken oder sagen. Das ist hart, aber manchmal notwendig, um weiterzugehen und unser wahres Selbst sein zu können.

Proudr: In zwei Wochen findet das Drag Fest von Klub Kids UK in Berlin statt. Mit dabei sind unter anderem Allisa Edwards und Mo Heart sowie viele weitere internationale und lokale Drag Superstars. Wie kam es dazu, dass du das Event nach Berlin gebracht hast und was macht dieses Festival so besonders?

Cristian: Ich bin ein großer “Drag Race”-Fan, seit mein Freund mich vor Jahren mit der Show bekannt gemacht hat. So habe ich mich in die Kunst des Drag verliebt. Meine Neugierde wurde geweckt, in die lokale Drag-Szene einzutauchen, und während ich einige Shows in Berlin besucht habe, gelang es mir, mehrere Künstler:innen und auch einige Produzent:innen zu treffen. Die Produzent:innen wollten eine Show in Berlin veranstalten, und da ich mich mit Techno-Events auskenne, dachte ich mir, dass ich einen guten Ort für ein Drag-Fest finden könnte. So begannen wir sofort mit der Zusammenarbeit. Dieses Projekt ist sehr aufregend, weil es hoffentlich den “Gospel of Drag” verbreiten und die Kunstform in Berlin noch populärer machen wird, was letztendlich zur Unterstützung unserer lokalen Künstler:innen beiträgt. Eine Veranstaltung voller Drag aus Berlin und der ganzen Welt ist wirklich etwas Besonderes.

Proudr: Zuletzt: Was sind deine 3 Karriere-Tipps für junge queere Menschen, die noch am Anfang ihres beruflichen Weges stehen?

Cristian: 

1 – Umgebt euch mit eurer Community und Freund:innen, die euch empowern, unterstützen und euch Kraft geben.

2 – Verleugnet nie eure wahre Identität aus Angst davor, was andere denken könnten.

3 – Sucht euch ein Arbeitsumfeld mit einer gesunden und inklusiven Unternehmenskultur, in der duihr wirklich geschätzt und nicht nur toleriert werdet.

Proudr: PS: Und was muss man eigentlich tun, um nicht zwei, drei Stunden anzustehen für den Eintritt ins ":// about blank"?

Cristian: Ich empfehle immer, früh genug hinzugehen oder zu Zeiten, in denen die Warteschlange nicht so groß ist. Im schlimmsten Fall kann man versuchen, sich auf eine Skip-Liste setzen zu lassen. <3

LINKS:

Cristian Marras: InstagramSoundcloud

Klub Kids: WebInstagramDrag Fest Berlin

Gegen: WebInstagramSoundcloud

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