Deutsche Konferenzen diskriminieren Frauen! Zeit für eine neue Quote?
Auf deutschen Konferenzen sind nur 16 Prozent der Vortragenden weiblich.

● Auf deutschen Konferenzen sind nur 16 Prozent der Vortragenden weiblich.

● Die Ursache: Frauen haben höhere Hürden, um als Expertinnen zu sprechen.

● Vielfalt auf den Bühnen führt zu besseren Ergebnissen und mehr Innovation.


Frauen sind in der Unterzahl – jedenfalls auf den Bühnen internationaler Konferenzen und Events! Weltweit werden drei Viertel aller Vorträge von Männern gehalten. Deutschland rangiert im internationalen Vergleich besonders weit unten. 


Der Männerüberschuss auf Events, Fachtagungen und Diskussionspodien hat einen unrühmlichen Namen erhalten: die sogenannten All-Male-Panels. Der Gender Diversity & Inclusion in Events Report von 2018 hat das Problem untersucht. Unter den 60.000 Speakern weltweit waren 70 Prozent männlich. In Deutschland war die Kluft sogar noch größer: 84 Prozent der Vortragenden waren männlich, nur 16 Prozent weiblich.


Ein ähnliches Bild zeichnet die Studie der Open Society Foundations – mit Fokus auf dem Geschlechterverhältnis der 23 politisch einflussreichen Konferenzen in Mittel- und Osteuropa. Darunter befanden sich unter anderem das Berlin Foreign Policy Forum, die Münchner Sicherheitskonferenz oder das World Economic Forum. Demnach haben Männer drei von vier Vorträgen gehalten. Bei manchen Themen waren sie besonders überrepräsentiert: etwa Außenpolitik, Sicherheit oder Klima. Hingegen haben sich Männer bei Gender-Themen fast gar nicht geäußert.


Warum All-Male-Panels trotzdem weiterhin dominieren

Nancy Devline, die Direktorin des Zentrums für Gesundheitspolitik in Melbourne, nennt verschiedene Ursachen für das anhaltende Ungleichgewicht:


● Viele Panels kommen zustande, indem Experten Abstracts einreichen, in denen sie Themen und andere Teilnehmende vorschlagen. Die Planungsteams der jeweiligen Events wählen diese Abstracts für das finale Programm aus. Bereits in diesem Schritt zeichnet sich das Missverhältnis zwischen den Geschlechtern ab.


● Frauen haben größeren Hürden, wenn sie ein Abstract einreichen, als Männer. Viele Konferenzen sind seit jeher männlich dominiert, was die Schwelle zusätzlich erhöht.


● Wissenschaftlerinnen besitzen zudem auch außerhalb ihrer akademischen Tätigkeit hohe Arbeitsbelastungen – zum Beispiel durch die Familie.


● Außerdem neigen Frauen zu einer größeren Zurückhaltung, sich selbst als Expertinnen zu identifizieren und als solche zu bewerben.


● Die männlichen Konferenzteilnehmer sind sich der fehlenden Diversität nicht immer bewusst. Dieses Phänomen – der sogenannte Unconscious Bias – ist schon vielfach wissenschaftlich belegt worden. Viele Experten schlagen Personen aus ihrem persönlichen Netzwerk für Diskussionsrunden vor, sodass sich die Teilnehmenden im Bezug auf ihr Geschlecht, ihre Herkunft oder das soziale Milieu ähneln.


Was ist zu tun gegen die All-Male-Panels?


Am Ende profitieren alle Veranstaltungen von mehr Gender Equality und Diversity. Durch Offenheit, umfassendere Perspektiven, mehr Kreativität und Innovation. Das gilt über das gesamte Diversity-Spektrum hinweg.


Viele Rednerinnen sind noch stärker marginalisiert als ihre weißen, heterosexuellen Kolleginnen: aufgrund ihrer Herkunft, Religion, Behinderung, sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität. So ist etwa Sichtbarkeit ein notwendiger Schritt auf dem Weg zu ausgeglicheren Panels. „Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit”, lautet daher die Forderung der Journalistin Stephanie Kuhnen.


Alle Veranstaltungsplanende sind angehalten, den Ausgleich konsequent durchzusetzen. Durch die gezielte Suche nach geeigneten Rednerinnen, durch Quoten und durch eine kritische Überprüfung der eigenen Strukturen. Speaker*innen sollten sich klar gegen All-Male-Panels positionieren. Prominentes Beispiel ist etwa Fränzi Kühne, Gründerin und Deutschlands jüngste Aufsichtsrätin. Sie hat angekündigt, nicht mehr an solchen Veranstaltungen teilzunehmen.


Auch wir müssen noch besser werden!

Das Thema beschäftigt uns auch bei der Planung der STICKS & STONES, Europas größter LGBT+ Karrieremesse. Obwohl wir eine Veranstaltung mit hohem Diversity-Anspruch sind und auf marginalisierte Gruppen aufmerksam machen wollten, fehlte auch bei uns oft die Vielfalt.


Bei unserer ersten Ausgabe vor zehn Jahren gab es unter 40 Speakern keine einzige Frau. Auch was unser Publikum betrifft, ist die Bilanz schwankend. Im Sommer 2017 hatten wir noch 48 Prozent Besucherinnen, aber 2018 nur noch 30 Prozent. Es steht fest: Gender Equality entsteht nicht einfach von selbst, sondern muss kontinuierlich neu errungen werden. Für die nächste Ausgabe der STICKS & STONES im Juni 2020 wollen wir daher ein Zeichen gegen die All-Male-Panels setzen und stellen daher einmalig ein All-Female-Panel aus mehr als 40 herausragenden Frauen (Lesben, Bi, Trans, Straight Ally) zusammen. Ab dem Jahr 2021 werden wir uns zu einem ausgewogenen Verhältnis (Quote) verpflichten.


Wir sind auf unserem Weg zu mehr Diversity noch nicht am Ende! Wir hoffen, dass das auch andere Konferenzen und Events verstehen und sich uns anschließen werden, dies nun endlich zu ändern.


Was denken Sie? Braucht es eine neue Quote auf Konferenzen für mehr Diversität auf den Panels oder was wäre ihre Idee? 


Dieser Artikel erschien zuerst am 20. Februar 2020 auf Xing.

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